EIN GESPRÄCH MIT DEM REGISSEUR
Hagen Tietze, geb. 1970 in Berlin (Ost), ist seit letzter Spielzeit als Regieassistent am Badischen Staatstheater in Karlsruhe engagiert, und die Inszenierung von „Pünktchen und Anton" ist sein Regiedebüt an einem Stadt- bzw. Staatstheater. Zuvor war er am Landestheater Tübingen als Regieassistent engagiert, nachdem er nach einer Schauspielausbildung als Schauspieler auf der Bühne (Görlitz, Wilhelmshaven) stand und mit einer freien Gruppe erste Regieerfahrungen machen konnte.

 

Das Stück von Erich Kästner ist kein klassisches Weihnachtsmärchen, dennoch knüpfen viele Kinder und Erwachsene relativ hohe Erwartungen an das Zauberhafte des Theaterereignisses „Märchen". Du konntest zwischen einem Märchenstoff und „Pünktchen und Anton" wählen. Was hat zu Deiner Entscheidung für Kästners Stück geführt?
TIETZE: Zum einen haben mich Erich Kästners Romane bereits als Kind fasziniert, da er Kinder völlig ernst nimmt und ihre Wahrnehmung von Sorgen, Wünschen, Träumen und Konflikten nicht verkleinert, sondern als große Themen behandelt. Zum anderen schreibt Kästner Figuren mit einem großen Gespür für Typisierungen, die sehr kindgerecht – komplex aber nicht zu kompliziert – sind, und die Abenteuer basieren auf realistischen Erfahrungen aus der Welt der Kinder. Ganz nebenbei erzählt er einen spannenden Krimi. Vor allem hat mich das Thema, Armut und Reichtum, interessiert, das wieder an erschreckender Aktualität gewinnt. Zwar verkaufen heute Kinder nicht mehr Streichhölzer und Schnürsenkel auf der Straße, sondern andere Dinge, aber es gibt zunehmend mehr Kinder, die praktisch auf der Straße leben oder die wirklich kein Geld haben, um an unserer Konsumgesellschaft teilzunehmen. Ich finde die Auseinandersetzung mit dieser Realität für Kinder sehr wichtig, da in unserer Gesellschaft über existenzielle soziale Probleme viel zu oft geschwiegen wird. Immer mehr Menschen fallen durch das soziale Netz, und Kinder sind natürlich auch davon betroffen, so dass die Schere zwischen Arm und Reich zunehmend auseinander klafft und wir wieder eine Zweiklassengesellschaft werden. Wie Kinder sich gegenseitig mit Lebensfreude, Fantasie und Spaß helfen können und eigene Umgangsformen und Überlebensstrategien jenseits der sozialen Unterschiede entwickeln können, wird bei Kästner dargestellt als eine realistische Möglichkeit mit einer guten Portion Utopie.
Der Roman spielt im Berlin der 30er Jahre und enthält bei aller Modernität, z.B. die Eltern von Pünktchen nehmen sich keine Zeit, Pünktchen ist ein vereinsamtes Einzelkind, doch auch eine Menge Klischees und schematische Darstellungen, die man heute nicht mehr so erzählen kann: Die kaufsüchtige Mutter von Pünktchen, die sich nicht für ihr Kind interessiert, die kranke Mutter von Anton, die zudem sehr arm ist, und Anton Geld verdienen muss, damit sie etwas zu essen haben.
TIETZE: Ja, Klischees gibt es da eine Menge, die insbesondere die Frauen betreffen. Erich Kästner hatte wohl keine besonders gute Meinung von Frauen und packt sie in Schemata wie dumm und verliebt oder faul und ignorant bis böse. Das werden wir anders erzählen. Dennoch ist das Klischee – hier reiche und kommunikationsgestörte Familie und dort arme und alleinerziehende Mutter – zwar eine Vereinfachung, aber es sind realistische und nachvollziehbare Familiensituationen – auch heute noch. Kästner erzählt uns von den Auswirkungen von Reichtum, er sagt ja nicht: das sind schlechte und das sind gute Menschen; in Pünktchens Direktorenfamilie gehen alle ihre eigenen Wege, führen praktisch ein Doppelleben, von dem die anderen nichts ahnen und es auch gar nicht bemerken, obwohl sie es könnten. Das wird über das Kindermädchen Fräulein Andacht sehr anschaulich erzählt, die einen kriminellen Freund hat, der sie für einen Diebstahl benutzt.
In der Bühnenfassung von Erich Kästner von 1932 gibt es einen Herrn Zeigefinger, der die Funktion hat, moralische Belehrungen zu transportieren.Wie wirst Du damit umgehen?
TIETZE: Bei uns gibt es diesen Herrn Zeigefinger nicht, sondern mir ist es wichtiger, die eigentliche Moral in den Bühnenvorgängen zu transportieren. So wird es bei uns zwei Straßenmusiker geben, die die Erfahrungen von Pünktchen und Anton auf der Straße erweitern. So steht nicht die Kinderarbeit als Gefahr der sozialen Verwahrlosung im Vordergrund, sondern für mich die Anforderung für Kinder und junge Menschen, sich heute einen individuellen Weg in dieser Gesellschaft zu bahnen, der Solidarität und Lebenslust jenseits der vorgegebenen gesellschaftlichen Normen ermöglicht. Die beiden Kinder verlassen ihre Welt und entdecken eine neue Welt – und werden so Vorbild für die Erwachsenen.

Das Gespräch führte Produktionsdramaturgin Christel Jörges


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